Mutter Sonne- Bruder Baum

Friedrich S. Feichters Skulpturen in Hochfrangart

Während seine Homines solares sich, wie in den letzten Jahren schon so oft auf die Reise machen (diesmal nach Prag, Bonn und Zürich), sind die jüngsten Skulpturen Friedrich S. Feichters fest im Boden verwurzelt. Im Auftrag von Karl Nicolussi-Leck erhielt der Luttacher Künstler die Gelegenheit, im Skulpturgarten des Kunstmäzen in Hochfrangart eine ganz neue Werkserie zu entwickeln. In zwei intensiven Arbeitsphasen zwischen August 98 und März 99 entstanden insgesamt zwölf Baumskulpturen, die einen hochinteressanten Entwicklungsschritt des Künstlers dokumentieren. Diese neuen Arbeiten haben viel mit den Homines solares, den heiteren und sensiblen Menschen der Zukunft zu tun, sind sie doch gewissermaßen das natürliche Habitat des Sonnenmenschen. Die Bäume sind aber gleichzeitig eine ganz neue Facette des Feichterschen Spiels mit Vergangenheit und Zukunft.
Die Homines, Visionen eines neuen Seins, in dem Körper und Geist einen neue Harmonie finden, schenken uns einen Blick auf eine mögliche Zukunft. Die Baumskulpturen dagegen wagen einen Blick zurück in die Entwicklungsgeschichte des Lebens in eine pflanzliche Daseinsform, die der Mensch als hoch entwickeltes Wesen bereits überwunden hat. Die leuchtenden Farben und die Originalität dieser Bäume sind ein unerwartetes Geschenk, dem man auf der engen Zufahrtsstraße nach Hochfrangart zum ersten Mal begegnet. Da entwickelt sich ein Dialog mit dem Thema „Baum“ als Sinnbild des Pflanzlichen, der vom Künstler intendiert ist, wie von selbst. Ein Dialog, der um so fruchtbarer ist, weil die existentielle Dimension, um die es letztlich geht, den „Umweg“ über das Lächeln nimmt.
Das Konzept ist spannend: auf der Grundlage lebender Akazien, die eigentlich abgeholzt werden sollten, entwickelt der Ahrntaler Künstler mit Farben und Metallteile Skulpturen, die er „Lichtbäume“ nennt. Die gewachsene Baumstruktur wird durch elementare Formen wie Scheiben und Büschel und Spiralen zu neuem Dasein verändert. Nicht zufällig sind Kreis und Spirale uralte Zeichen für Unendlichkeit und Perfektion. Organisch fügen sich die neuen Teile mit dem Gewachsenen zu harmonischer Einheit. Neu an diesen Bäumen ist, dass sie sich nicht, wie bisher Feichters Arbeiten, von Ort zu Ort bewegen können. Der Standort ist hier gegeben, und die Skulptur entsteht als Reaktion auf das Umfeld. Das natürliche Umfeld wird seinerseits durch die Skulpturen auf eine ganz neue Bedeutungsebene gehoben und gemeinsam mit den Bäumen „neu“ gesehen. Natur und Kunst treten in eine neue Beziehung des Aufeinander-Verweisens. Dadurch fällt unser Blick in neuer Intensität, Aufmerksamkeit und Schärfe auf die Perfektion der Schöpfung, an der wir oft achtlos vorübergehen.

In der Bezeichnung „Lichtbäume“ nimmt Friedrich Feichter den Faden zur Lichtmetaphorik, die seit jeher im Mittelpunkt seiner Arbeit steht, wieder auf. Auch die Bäume sind Sonnenwesen, die das Licht einfangen, spiegeln, sich danach recken und richten. In einem Zitat des Dichters Najm Razi von 1256 sieht der Künstler seine Form versprachlicht: „Wenn das Licht im Himmel des Herzens erstrahlt, und der Mensch im Inneren die Helle der Sonne oder vieler Sonnen erlangt…dann ist sein Herz reines Licht, sein Hören, sein Sehen, seine Hand, sein Äußeres, sein Inneres – Alles ist Licht“.

Insgesamt wird in Friedrich Feichters Arbeiten immer stärker ein naturmystischer Zug sichtbar, eine gewissermaßen franziskanische Liebe zur Schöpfung, die in den mutigen, heiteren und hoffnungsvollen Formen seiner Lichtbäume zum Ausdruck kommt. Sie sind Lichtzeichen einer Daseinsform, in der die Dichotomie von Körper und Geist aufgehoben ist.

Karin Dalla Torre